Von der MIPIM-Präsentation 2017 bis Mitte August 2026: neun Jahre Elbtower — und die politische Spur von Olaf Scholz.
Der Elbtower war von Anfang an mehr als Stahl und Beton. Er war ein politisches Versprechen: Höhe, HafenCity, privates Kapital. Olaf Scholz eröffnete diese Erzählung in Cannes. Signa und Benko sollten sie bauen. Was folgte, dokumentiert diese Chronik — nüchtern in den Daten, klar in der Bewertung der Verantwortung.
MIPIM Cannes: Internationale Präsentation Politik
Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz stellt den Elbtower auf der Immobilienmesse MIPIM vor. Entwurf: David Chipperfield Architects. Geplant: 245 Meter, Büros, Hotel, Gewerbe, Aussichtsplattform. In der EU-Bekanntmachung werden Baukosten von rund 700 Millionen Euro genannt. Investor: Signa unter René Benko.
Das ist der Startschuss der öffentlichen Erzählung — und der Punkt, an dem Scholz’ Name dauerhaft mit dem Turm verknüpft wird.
Grundstücksverkauf an Signa — 122 Mio. € Politik
Die Hamburgische Bürgerschaft beschließt den Verkauf des Grundstücks im Elbbrückenquartier an Signa für 122 Millionen Euro. Im Vertrag stecken Auflagen und Rückabwicklungsklauseln, die ein Scheitern verhindern sollen.
Scholz ist zu diesem Zeitpunkt bereits Bundesfinanzminister. Die Weichen hat seine Amtszeit in Hamburg gestellt.
Bauantrag und Musterfassade
Chipperfield reicht den Bauantrag ein. Am Standort entsteht eine Musterfassade — bis heute eines der sichtbarsten Elemente am Grundstück. 2021 folgt die Genehmigung des Bebauungsplans.
Baubeginn und Generalunternehmer Lupp
Rohbauauftrag an Adolf Lupp. Die Deutsche Bahn meldet bereits Bedenken wegen möglicher Schäden an den Bahnanlagen und lässt sich vertragliche Haftung zusichern — ein früher Hinweis auf das spätere Elbbrücken-Problem.
Baufortschritt — und teurer werdende Pläne
Die Baustelle ist aktiv. Fundament und Gründung schreiten voran. Intern steigen die erwarteten Gesamtkosten auf rund 950 Millionen Euro. Commerz Real / hausInvest beteiligt sich. Scholz regiert inzwischen in Berlin; der Turm wächst ohne ihn — noch.
Baustopp — Arbeiten werden eingestellt
Adolf Lupp stellt die Bauarbeiten ein: Signa begleicht fällige Rechnungen nicht. Der Rohbau steht bei ca. 100 Metern — rund 41 Prozent der geplanten Höhe. Geschätzte Baukosten bis dahin: etwa 400 Millionen Euro.
Im Volksmund setzt sich der Name „der kurze Olaf“ durch. Essay dazu →
Insolvenz und Abräumen der Baustelle
Januar: Insolvenzantrag der Projektgesellschaft. April: Abbau der meisten Kräne. Signa bricht zusammen; Benko gerät später in Untersuchungshaft. Die Stadt betont zunächst: rein privates Projekt, kein Steuergeld für den Weiterbau.
Bahnhof Elbbrücken — Weiterbauverbot
Setzungsschäden am benachbarten Bahnhof führen zu einem Weiterbauverbot bis mindestens 23. März 2026. Geschätzte Sanierung: rund 45 Millionen Euro. Der Standort neben der Bahn — politisch mitgedacht seit der Scholz-Ära — wird zum baurechtlichen Bremsklotz.
595 Mio. € — Naturkundemuseum im Turm
Der Senat kündigt an, Teile des Elbtower für das Naturkundemuseum zu nutzen und dafür rund 595 Millionen Euro einzusetzen. Die Höhe soll auf 199 Meter sinken. Fertigstellung: bis 2029. Aus „kein Steuergeld“ wird ein öffentlicher Miteigentumsplan — späte Folge einer frühen Prestige-Entscheidung.
Landeslabor, Roßmann, Hilton
NDR zu möglichem Koppelgeschäft Landeslabor/City Nord. 20.1.: Dirk Roßmann steigt ein, Kartellamt gibt Gemeinschaftsunternehmen frei. 22.1.: Primestar als Hilton-Betreiber. Roßmann → · Hilton →
Tower to the People & Panorama 3
Genossenschaftsidee für 14 Etagen. Tags darauf: NDR-Panorama 3 zu Senatsgrenzen, NordLB-Kredit-Anfrage und umstrittenem Museums-Gutachten. Panorama → · Genossenschaft →
Bauvorbescheid 199 m & Bürgerschaftsdebatte
Anfang März: positiver Bauvorbescheid für die abgespeckte Version. Ende März: erneuter Streit in der Bürgerschaft über Kosten, Alternativen und die Rolle der öffentlichen Hand. Scholz’ 245-Meter-Traum ist planerisch Geschichte.
Signal Iduna bekräftigt Engagement
Der Versicherungskonzern Signal Iduna bestätigt eine dreistellige Millionenbeteiligung am Weiterbau — und koppelt den Erfolg an das Naturkundemuseum. Selbst einziehen will man nicht. Zur Meldung →
Einigung verzögert — Rettung wackelt
Das Hamburger Abendblatt meldet Verzögerungen beim Deal Stadt/Konsortium und Unruhe bei Kapitalgebern. Im Podcast-Format wird offen über sinkende Fertigstellungschancen und ein Abriss-Szenario gesprochen. Der „Sommer-Baustart“ gerät ins Wanken. Zur Meldung →
Sommer-Status & geschlossene XXL-Brücke
Ende Juli: Weiterbau am Turm weiter unsichtbar. Parallel: Die 135-Meter-Fußgängerbrücke Entenwerder steht, kann aber nicht genutzt werden. Brücke →
Sommer vorbei — Ruine bleibt
Mitte August: Der angekündigte Sommer-Baustart ist ausgeblieben. Keine neuen Kräne, keine Aufstockung. Der kurze Olaf wächst weiter nicht. Status →
Was diese Chronik zeigt
elbtower.org trennt unternehmerisches Scheitern und politische Verantwortung. Signa und Benko haben den Bau finanziell in den Abgrund geführt. Olaf Scholz hat das Projekt politisch gestartet, international vermarktet und den Investor-Rahmen mitgetragen. Beides gehört zur Geschichte.
Großprojekt in Cannes ankündigen und zur Marke machen.
Grundstück an Signa verkaufen, Auflagen formulieren.
Nach Berlin wechseln, bevor der Beton die Rechnung stellt.
Später zusehen, wie Nachfolger mit Steuergeld und Museum retten sollen.
Im Volksmund mit dem eigenen Spitznamen im Turm leben: der kurze Olaf.